Von den Stühlen gerissen

Interview mit Volker Vogel, dem Regisseur der ‚Fledermaus’

Der Tenor und Regisseur Volker Vogel kehrt nach drei Jahrzehnten an das Hildesheimer Theater zurück, um hier in der Jubiläumsspielzeit Die Fledermaus zu inszenieren.
TfN-Musikdramaturg Ivo Zöllner traf ihn zum Interview.

Auch wenn Werner Seitzer Sie für ‚Die Fledermaus’ erstmals als Regisseur nach Hildesheim engagiert hat, ist dies trotzdem nicht Ihre erste Hildesheimer Inszenierung. Wie geht das?
Das geht, weil ich bereits von 1977 bis 1981 am Hildesheimer Theater engagiert war – als Regieassistent, Regisseur, Sänger, Schauspieler und Tänzer – so vielseitig durfte ich damals hier sein. Zuvor war ich als Regieassistent an der Staatsoper Hannover tätig. Dann fragte mich eines Tages der neue Hildesheimer Intendant Pierre Leon, ob ich nicht zu ihm nach Hildesheim kommen wolle. Nur, wenn ich auch inszenieren dürfe, antwortete ich ihm. Er versprach es und hielt Wort, sodass ich in meiner dritten Spielzeit ‚Madame Butterfly‘ und danach noch ‚La Bohème‘ inszeniert habe. Zudem habe ich in diesen vier Jahren sämtliche Musiktheater-Assistenzen übernommen und wurde auch immer häufiger als Sänger besetzt.

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Wie kam es dazu?
Ich hatte ja an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover Gesang studiert und bin schon ziemlich am Anfang meiner Hildesheimer Zeit für erkrankte Sänger eingesprungen, was dazu führte, dass ich dann immer häufiger regulär besetzt wurde.

In welchen Stücken standen Sie auf der Hildesheimer Bühne?
Als Sänger u.a. in ‚Zauberflöte’, ‚Anatevka‘, ‚West Side Story‘, ‚Silk Stockings‘, ‚Anything Goes‘, ‚Gasparone‘ und ‚Die vier Grobiane‘, zudem als Schauspieler in ‚Faz und Zwo‘ und in der Titelpartie von ‚Der kleine Prinz‘. Als Leon mich erstmals als Schauspieler besetzte, rannte ich zu ihm und sagte ihm, dass ich das nicht könne, und er antwortete mir: „Du kannst das.“ Und dann konnte ich das.

Wie war es damals, vor gut 30 Jahren, am Stadttheater Hildesheim?
Früher war alles besser! (lacht) Natürlich verklärt man gerne die Zeit der eigenen Jugend. Damals gab es im Solistenensemble des Musiktheaters  noch etwa 20 festangestellte Sängerinnen und Sänger und wir spielten im Wechsel mit dem Schauspiel eigentlich jeden Abend. Mein Pinkerton war Zachos Terzakis, der dann eine große Karriere machte. Meine Butterfly war Aiko Oshima, eine echte Japanerin, und alle sagten mir, das wird ganz einfach, aber es wurde nicht einfach. Ich wollte keine der damals noch üblichen Folklore-Aufführungen dieser Oper auf der Bühne. Das Bühnenbild machte Hannes Fabich und ich nahm Einfluss darauf. Ich wollte ein Kiesbett (ein japanischer Zen-Garten) mit Podest und Schiebewänden und er schien einverstanden. Später präsentierte er mir dann ein völlig naturalistisches japanisches Bühnenbild mit einem schnuckeligen Häuschen und rosa Kirschblütenbäumen. Als ich das sah und ihm sagte, dass ich das nicht akzeptiere, nahm er das Modell und warf es wutentbrannt gegen die nächste Wand. Aber dann setzte er doch meine Wünsche um, und auf der Hauptprobe drückte er mir die Hand und sagte: „Du hattest absolut Recht.“

Warum haben Sie nach Ihrem Weggang aus Hildesheim das Inszenieren erst einmal aufgegeben?
Weil ich merkte, dass es sehr anstrengend ist, gleichzeitig zu singen und Regie zu führen. Ich wollte erst einmal mehr singen. Und da die entsprechenden Angebote kamen, sang ich.

Sie kamen über Dortmund und Freiburg an die Wiener Volksoper und gehörten dann von 1991 bis 2009 fest zum Ensemble des Züricher Opernhauses. Dort und auf regelmäßigen Gastspielen an vielen bedeutenden Häusern haben Sie fast sämtliche Partien Ihres Faches als Spiel- und Charaktertenor gesungen. An welche Rollen und Häuser erinnern Sie sich besonders gern zurück?
An Eisenstein in der ‚Fledermaus‘, Mime in ‚Rheingold‘ und ‚Siegfried‘, Herodes in ‚Salome‘, den Monostatos in der ‚Zauberflöte‘, den ich ab 2004 für mehrere Jahre an der New Yorker MET gesungen habe. Ich sang auch in München, Dublin, Madrid, Barcelona, an der Mailänder Scala, bei den Salzburger Festspielen und und und… Meine Knusperhexe in ‚Hänsel und Gretel’ aus Zürich gibt es sogar auf DVD. Ich werde diese Rolle Ende diesen Jahren auch wieder in einer Neuinszenierung in Leipzig singen.

Warum haben Sie Ihre lukrative Festanstellung am Züricher Opernhaus im letzten Sommer aufgegeben?
Weil ich mehr gastieren und vor allem auch wieder mehr inszenieren wollte. Nach fast 20 Jahren hatte ich nämlich wieder Blut geleckt und ab 2002 eine Reihe von Operetten inszeniert, in Bad Ischl, Ulm, St. Gallen, Basel, Innsbruck, Wien und anderswo.

2007 haben Sie in Wien ‚Die Fledermaus’ am Schönbrunner Schlosstheater inszeniert. Wie kam es jetzt zur Hildesheimer Inszenierung?
Eine erste Kontaktaufnahme erfolgte schon vor einigen Jahren, nachdem Werner Seitzer mich auf einem Band als Wüsterich in der Wiener Uraufführung der Oper ‚Tulifant‘ von Gottfried von Einem gesehen hatte. Ich sollte dann sogar einmal in Hildesheim einspringen, aber das klappte aus terminlichen Gründen nicht. Piet Bruninx, seinerzeit mein Onkel Bonze in der ‚Butterfly‘, sagte bei dieser Gelegenheit zu ihm: „Der kann auch inszenieren. Und wie!“ Schließlich sah Seitzer sich meine Wiener Fledermaus an und fragte mich danach, ob ich mir vorstellen könne, dieses Stück noch einmal in Hildesheim zu inszenieren. Ich konnte und habe mich sehr über das Hildesheimer Angebot gefreut.

Neben dem Aspekt, damit einen besonderen Beitrag zur Jubiläumsspielzeit zu leisten und einen Künstler zurückzuholen, der hier vor vielen Jahren schon einmal gearbeitet hat, muss ihn offensichtlich auch das künstlerische Ergebnis überzeugt haben. Auch die Zeitschrift ‚Das Opernglas‘ beendete 2008 die euphorische Rezension Ihrer Wiener ‚Fledermaus’ mit dem Satz: „Die Regie von Volker Vogel war nach alter Operettenart temperamentvoll zündend und selten überzogen, die nur unwesentlich veränderten Dialoge großartig einstudiert und die brillante Aufführung ein Beweis dafür, dass man mit spritziger Spielfreude das Publikum vor Begeisterung von den Stühlen reißen kann.“ Auf was kommt es Ihnen besonders an, wenn Sie dieses Stück inszenieren?
Zum Einen zu zeigen, wie lächerlich sich ein Mensch (nämlich Eisenstein) machen kann, wenn er vor sich selbst und den anderen interessanter dastehen will, als er eigentlich ist. Zum anderen ist sie wie jede Operette Unterhaltungstheater. Diesem möchte ich gerecht werden. Wenn man das Stück ernst nimmt und die Originaldialoge liest, dann ist die ganze Handlung dort sehr logisch erzählt. Daran orientiere ich mich in meiner Dialogfassung. Zudem ist der Ball des Prinzen Orlofsky im 2. Akt für mich kein öffentlicher Ball, wo sich nur die Protagonisten für jemand anderen ausgeben, sondern ein privater Maskenball, wo alle von Dr. Falke eingeladen wurden und nicht das sind, was sie zu sein scheinen – also keine vornehme Gesellschaft, sondern ‚Pariser Leben‘ in Wien: kleine Leute, die vorgaukeln, große zu sein. Im originalen Klavierauszug ist auch nie das Wort „Chor“ aufgeführt, sondern immer die einzelnen Namen der Chordamen und -herren wie Melanie, Faustine usw. Dies bestärkt mich in der Annahme, dass Strauß keine graue Masse als Rahmen für die Protagonisten, sondern eine sehr individuelle Chorführung haben wollte. Auch die Rolle des Dr. Blind habe ich mir erlaubt aufzuwerten. Er wird bei uns auch beim Ball im 2. Akt anwesend sein – wie, das möchte ich allerdings erst in der Aufführung verraten.

Wie gefällt es Ihnen am TfN?
Ich fühle mich hier noch immer zu Hause und habe mir auch schon einige andere Vorstellungen angesehen. Am meisten begeistert haben mich die ‚Meistersinger‘ und ‚Taxi, Taxi‘. Das waren die witzigsten ‚Meistersinger‘, die ich je gesehen habe. Auch das musikalische Niveau war außerordentlich. Bei ‚Taxi, Taxi‘ habe ich mich königlich amüsiert und fand die Aufführung ganz hervorragend. Zudem kann ich alles, was der Regisseur im Programmheft von ‚Taxi, Taxi‘ zur Unterhaltungstheorie des Theaters gesagt hat, nur vorbehaltlos unterschreiben. Ich hoffe, nein, ich bin zuversichtlich, diesem Unterhaltungsanspruch auch mit meiner Fledermaus-Inszenierung Genüge zu tun und das Publikum zu erheitern.

Dafür wünsche ich weiter gutes Gelingen bis zur Premiere am 13. Februar.

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