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Märchen und ihre Konsequenzen

AB IN DEN WALD - der Märchen-Musical-Spaß für Erwachsene ab dem 20. Januar 2018 zu sehen am Theater für Niedersachsen.

Stephen Sondheim, 1930 in New York geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Musical-komponisten und -texter der Gegenwart. 1957 startete er seine Karriere als Songwriter der „West Side Story“ und bereits in den 1960er Jahren begann er eigene Musicals wie zum Beispiel „A funny thing happend on the way to the Forum“ zu schreiben.

Im ersten Akt seines Musicals AB IN DEN WALD (INTO THE WOODS), das ab dem 20. Januar 2018 am TfN zu sehen ist, bedient er sich für die Handlung unter anderem an den Märchen der Brüder Grimm: Aschenputtel möchte um alles auf der Welt zum abendlichen Ball des Prinzen ins Schloss, Hans und seine Mutter sind verzweifelt ob der Milchlosigkeit ihrer Kuh Milchweiß. Dann sind da noch die Bäckerleute, die so gerne ein Kind haben möchten, Rotkäppchen bei ihrem bekannten Abenteuer im Wald auf dem Weg zur Großmutter und die Hexe. Diese hält Rapunzel im Turm gefangen und verspricht den Bäckerleuten die Erfüllung ihres Kinderwunsches, wenn sie innerhalb von drei Tagen eine Kuh so weiß wie Milch, Haar so gelb wie Korn, ein Mäntlein so rot wie Blut und einen goldenen Schuh ihr bringen. Der Wald, in dem alsbald alle versuchen ihre Wünsche zu erfüllen, ist der Ort in dem sich die Figuren in amüsante Verwicklungen begeben – eine reizvolle Montage all der, jedem seit der Kindheit wohl vertrauten Stereotypen, der Grimm’schen Märchenwelt.

Der Wald als Ort der Sehnsucht

Nach dem ersten, für alle letztlich glücklich verlaufenen Akt, verlässt der zweite Akt die reine Märchenebene und durchbricht die Eindimensionalität der Märchenfiguren. „Wie lebt es sich denn mit einem Prinzen?“ oder „Wie zieht man das so ersehnte Kind groß?“ – Fragen, die in Märchen normalerweise nicht gestellt werden (dürfen!). Dort heißt es immer: „Und wenn sie nicht gestorben sind …“. Aber die von Stephen Sondheim erfundene Bedrohung durch eine Riesin, die wütend durch das Märchenland stampft, Häuser zerstört und Märchenfiguren killt, nötigt alle Charaktere zu Entscheidungen jenseits der wohlvertrauten Muster von Gut und Böse. Zum Beispiel übernimmt die Rolle des Lüstlings – nachdem es im ersten Akt noch der Wolf war – jetzt Aschenputtels Prinz, der die anfangs ängstliche, später glücksselige Bäckersfrau verführt. Im Finale singen beide im Duett: „Recht und Unrecht kann man im Wald nicht sehen.“

Natürlich hat das Musical noch andere tiefere Dimensionen: Der Wald als Ort der Sehnsucht, des Irrationalen, die rote Kappe als Symbol von Erotik und Sexualität, Moral und Ordnung und nicht zuletzt das beliebte Komödienelement der bösen Stiefmutter. Die Kunst aus all dem einen unterhaltenden Abend zu machen, beherrscht Sondheim exzellent!

Konsequenz durch verantwortliches Handeln

Nach dem Uraufführungserfolg ihres ersten gemeinsamen Musicals „Sunday in the Park with Georg“ 1984 hatte James Lapine die Idee ein Märchen mit Sondheim zu machen, für das die beiden zu nächst den Arbeitstitel „Fee Fi Fo Fun“ sich ausgedacht hatten. Ihr Ziel: Bekannte Märchen mit der erfundenen Geschichte vom Bäcker und seiner Frau zu verweben. Allen gehen ihre Wünsche in Erfüllung. Doch das „… und so lebten sie glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ haben die beiden Autoren nicht zugelassen. Im zweiten Akt dieses ironischen Spiels mit der tiefenpsychologischen Deutung von Märchenmotiven, gilt es nämlich, aus der Erfüllung der Wünsche die Konsequenzen zu ziehen durch verantwortliches Handeln. Das Märchenklischee wird aufgebrochen. Stephen Sondheim sagt über AB IN DEN WALD: „Um ihre Ziele zu erreichen, waren alle Figuren im ersten Akt gezwungen ein bisschen zu lügen, ein bisschen zu betrügen und ein bisschen zu schachern. Der zweite Akt ist eine Parallele zum ersten Akt und spielt ein Jahr später. Er konfrontiert die Figuren mit den Konsequenzen des ersten Akts. So muss im ersten Akt vieles angelegt werden, was dort unwichtig erscheint, im zweiten Akt aber ungeheure Bedeutung erlangt.“

Eine der vielen Inspirationsquellen die Sondheim und Lapine benutzt haben, war das Buch „Kinder brauchen Märchen“ von Bruno Bettelheim.

Erster Akt: leicht und lustig, Zweiter Akt: ein bisschen düster

Über seine Musik sagt der Komponist: „Ich habe versucht die Partitur mit vielen kleinen Liedchen zu ‚sprenkeln‘ und kleine Melodien im Sechzehntel-, Zweiunddreißigstel und Achteltakt zu schreiben. Trickfilmhaft anmutend, aber in einem modernen Stil, sowie Lehrstücke und Wanderlieder. Die kleinen Melodien beginnen, im zweiten Akt sich zu verfremden. Sehen sie, der erste Akt ist schnell, lustig und leicht, der zweite Akt ist ein bisschen düster; diesen Unterschied soll die Partitur widerspiegeln.“