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Der Einzug des Barocks ins TfN

Der Spätsommer ist vorbei, die Tage werden kürzer, das Wetter wechselhafter – es beginnt die „dunkle“ Jahreszeit. Der richtige Moment also, um mal wieder eine Kerze anzuzünden. Und genau das passiert mit der Neuproduktion von Georg Philipp Telemanns Barockoper ORHEUS oder DIE WUNDERBARE BESTÄNDIGKEIT DER LIEBE ab dem 2. Dezember auch im Theater für Niedersachsen. 

Die TfN ⋅ Philharmonie verzichtete im vergangenen Telemann-Festkonzert bereits auf ihre Stühle und musizierte barock-gerecht im Stehen sowie mit Cembalo und Barockbogen. Und nun wird mit ORPHEUS auf der Bühne der helle Schein der bunten Scheinwerfer eingetauscht gegen schummeriges Kerzenlicht. Zumindest in Teilen, denn so ganz ohne moderne Beleuchtung kommt die heutige Theaterwelt im Gegensatz zu den Mitteln zu Zeiten Telemanns 1726 uraufgeführten Oper dann doch nicht aus. Die Umsetzung von ORPHEUS am TfN widmet sich ganz der Entstehungszeit des Werks und der damals üblichen Ästhetik und Funktionsweisen von Theater. Die belgische Regisseurin und Choreographin Sigrid T’Hooft gilt als Spezialistin auf dem Gebiet der sogenannten „Historisch Informierten Aufführungspraxis“ und inszeniert erstmals in Hildesheim. Doch was heißt „Historisch Informierte Aufführungspraxis“ für die Inszenierung einer Barockoper eigentlich? Die Opernstoffe wurden auf die Bühne gebracht ohne dass es eine Interpretation über den Text hinaus gab: Ein Stein war ein Stein und keine Parkbank. Das Beispiel eines Steins, wie er auch im TfN zu sehen sein wird, zeigt gut die Wichtigkeit der Werktreue zur damaligen Zeit. Denn es war den Sängerinnen und Sängern zu Zeiten Telemanns nicht erlaubt beim Bühnentod auf dem Boden zu liegen. Da dies als unschicklich galt, wurde der Tod oftmals für die Zuschauer nicht sichtbar „off-stage“ vollzogen – natürlich erst nach der vorherigen großen Abschiedsarie. Bei Telemanns ORPHEUS stirbt in jedem Akt eine der Figuren, und das nicht abseitig, sondern auf großer Bühne. Also musste es jedes Mal ein Objekt geben, beispielsweise den benannnten Stein, auf den die Figur sich zum Sterben legen konnte, um nicht auf dem Bühnenboden zu landen. 

Eine weitere Besonderheit war die enorme Bedeutung der Gesten für das barocke Bühnengeschehen. Der Text wird detailliert auf dazugehörige Gesten umgelegt, ein bühnenspezifischer Code, der zur damaligen Zeit leicht lesbar war, sich aber für heutige Sängerinnen und Sänger fremdartig darstellt. Begrifflichkeiten wie „Himmel“, „Blut“ oder „Macht“ waren Bewegungen zugeordnet, die der Sänger während einer Arie ausführte und somit seinen Körper in Bewegung brachte. Überhaupt der Körper: Im barocken Bühnengeschehen war es nicht erklärtes Ziel einen Realismus auf dem Theater zu zeigen, sondern möglichst kunstvoll und „schön“ zu sein. Daher bewegen sich die Darsteller einer historisch-informierten barocken Aufführungspraxis auch möglichst „höfisch“. 

Es gibt also vieles neu zu entdecken, wenn ORHEUS oder DIE WUNDERBARE BESTÄNDIGKEIT DER LIEBE in der Inszenierung von Sigrid T’Hooft das Kerzenlicht der Bühne und das Feuer des Barocks im Theater für Niedersachsen entzündet. Ein Genuss für Aug‘ und Ohren – fast wie 1726.

Die Premiere findet am 2. Dezember 2017 um 19:00 Uhr im Großen Haus statt.

Wer noch mehr zur Inszenierung erfahren will:
Matinee am Sonntag, 26. November 2017, 11:15 Uhr, Großes Haus (Eintritt frei)

Wer noch mehr zum Barocktheater erfahren will:
„Hinter den Kulissen des Barocktheaters“ am Samstag, 11. November, 11:00 Uhr, F1 (Eintritt frei)
Gespräch mit Sigrid T’Hooft und Professor Dr. Jens Roselt von der Universität Hildesheim