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„Realismus interessiert mich nicht. Das kann das Kino besser.“

Ein Interview mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Hattstein

Wenn Bettina Rehm am TfN inszeniert, ist fast jedes Mal Julia Hattstein als Ausstatterin an ihrer Seite. Auch für die neueste Arbeit, Arthur Millers HEXENJAGD, hat sie das Bühnenbild und die Kostüme entworfen (siehe Szenenfotos). Dramaturg Gerd Muszynski spricht mit Julia Hattstein über ihre Arbeit mit Bettina Rehm im Allgemeinen und am Theater für Niedersachsen im Besonderen.

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Julia, seit wann arbeitest du mit Bettina Rehm zusammen und wie viele Stücke habt ihr inzwischen miteinander auf die Bühne gebracht?
Sehr viele. Ich habe neulich mal durchgezählt, wir haben Silberhochzeit: „Hexenjagd“ ist unsere fünfundzwanzigste gemeinsame Arbeit. Außer am TfN in Hildesheim waren wir zusammen in Hannover, in Dresden, an drei verschiedenen Theatern in Berlin und am Staatstheater Cottbus tätig. Meistens war ich für die Gesamtausstattung, also für die Bühne und die Kostüme, zuständig.

Wie beginnt ihr die gemeinsame Arbeit an einem Bühnenbild?
Das ist unterschiedlich. Meistens treffen wir uns zum Brainstorming, mal schauen wir uns gemeinsam Bilder an. Bettina weiß oft genau, was sie mit einem Stück erzählen will, aber erfreulicherweise hat sie noch keine Raumvorstellung und gibt deshalb auch keine detaillierten Vorgaben. Unsere Zusammenarbeit beginnt also mit viel gedanklichem Austausch im Vorfeld.

Bettina erzählte mir, dass du schon eine relativ genaue Bühnenbildidee für unser Stück hattest, dann eine „Hexenjagd“-Vorstellung an einem anderen Theater gesehen hast mit einer Ausstattung, die deinen Überlegungen sehr nahe kam. Kurz entschlossen hast du noch einmal angefangen ganz neu zu denken. Kann man das so einfach?
Ich habe meist sofort ein Bild zu dem Stück, das ich lese, vor Augen, fange aber nicht sofort mit der Umsetzung an und so gährt der Stoff in meinem Kopf. Meist ändert sich dann die erste Idee. Bei „Hexenjagd“ hatte ich Metall, eine große Leere und viele Kreuze im Kopf. Dann sah ich ein Bühnenbild, das ich mir so ähnlich vorgestellt hatte, in einem Theater, das im Vergleich zu den Abstecherbühnen des TfN riesig ist. Ich fand es sehr beeindruckend, aber dann dachte ich, für Hildesheim muss ich eine entgegengesetzte Lösung finden: eine Enge mit einer Decke, die den Menschen auf den Kopf fällt, dazu ein großes Kreuz, das den Raum bestimmt, und noch ein Kreuz, das den Eingang in diese Welt markiert.

„Hexenjagd“ ist vielleicht im deutschsprachigen Raum das Stück der Spielzeit. Es wird an sehr vielen Theater von München bis Wien, von Bielefeld bis Bremen gespielt. Was interessiert dich persönlich an Arthur Millers Stück am meisten?
Schon beim ersten Lesen war ich sehr gebannt von dem Stoff, ich empfinde das Stück wie einen Krimi. Es ist modern und gut gebaut, man kann sich der Geschichte und den Personen nicht entziehen. Wenn ich auf den Proben die Spieler in ihren Rollen sehe, merke ich, wie emotional ich werde. Ich möchte am liebsten mit den Figuren diskutieren, dass sie so nicht agieren dürfen. Mich interessiert das Kleine, was auf einmal im Dunst der Angst, der Missgunst, des Neides groß wird und zur Katastrophe führt, im Falle von „Hexenjagd“ alles unter dem Deckmantel der Religion, des Glaubens. Ich will mit meiner Bühne und mit den Kostümen eine Welt schaffen, die die dörfliche Enge, die Unfreiheit, das Beobachtetwerden, zeigt.

Welche Überlegungen gab es für die Kostüme in „Hexenjagd“? Sind sie streng historisch oder bedienst du dich aus einer anderen Epoche?
Ich denke, das Stück ist heute aktueller denn je. Es ist aber das Bild einer streng religiösen, unmodernen Gesellschaft, die von körperlicher Gewalt, Keuschheit, Strafe, Angst, Verleumdung, Rache geprägt ist . Ich habe mich im Vorfeld mit Gesellschaftsformen, die in einer Parallelwelt leben, beschäftigt, wie z.B. die Amish people und habe mir dort Anregungen für die Kostüme geholt. Frauen tragen Röcke, eher dunkel, die Mädchen Kleider, hell, frühlingshaft, die Männer des Dorfes Jacken und Hosen in erdiger Farbe, die Richter sind vornehmer gekleidet, in schwarz, mit Gehrock. Wir haben gewitzelt, dass der Schneider, der im Stück auftritt, nicht so viele verschiedene Schnitte beherrscht und somit die Vielfalt der Dorfbevölkerung eingeschränkt ist.

Gibt es bei deinen Ausstattungen so etwas wie einen Julia-Hattstein-Stil?
Kann sein, dass es den gibt. Meine Räume sind meist karg und ich versuche mein Augenmerk auf das Wesentliche zu richten. Deshalb mag ich auch den Begriff Ausstattung nicht, das hört sich nach „Zuviel“ an. Für mich ist Theater eine Parabel, Realismus interessiert mich nicht, das kann der Film besser.