3 fragen an reinhard goebel

Herr Goebel, wann haben Sie entschieden, eine Karriere als Musiker einzuschlagen?

Naja, ich würde mal von »Laufbahn« sprechen, die ich so mit 14-15 Jahren avisiert hatte. Dass es eine Karriere wurde, konnte ich nicht wissen, was ich aber sehr genau wusste, war, dass Musik nach 1800 für mich eine No-Go-Area würde: Ich war so bedingungslos auf vor allem das 17. Jahrhundert ausgerichtet, dass anfänglich Bach bereits ein unverstehbarer Neutöner für mich war.

Worin besteht für Sie der Zauber beim Dirigieren? Was passiert da – beim Dirigenten, beim Orchester?
Auch hier ist es vielleicht nicht gleich das XXL-Wort »Zauber«, denn erst einmal ist das, was ich – für andere kann ich nicht sprechen – da oben mache, harte und lange Vorarbeit an Analyse, sodann an analytischer Rückwicklung folgender Strich- und Phrasenbezeichnung. Und dann muss man mit ganz vielen Lassos die Individuen eines Orchesters einfangen, sie zu Teamwork anhalten und verschmelzen. Das geht nur mit höchster Kompetenz – und mit Humor. Das wirklich zauberhafte an der Arbeit ist, dass manchmal die Inspiration aus der Probenarbeit Wirkung zeigt und ein Orchester gleichsam von allein zu spielen beginnt. Aber es gibt auch Orchester, die ungeheure Energiefresser sind und die man sozusagen mit Gewalt über jeden Taktstrich heben muss …

In unserem dritten Sinfoniekonzert versammeln Sie Werke der Familie Mozart. Warum ist Ihre Wahl ausgerechnet auf diese Werke gefallen?

Ich pflege normalerweise Programme mit rotem, ja dunkelrotem Faden zu machen – und gerne auch unter bekannten Komponistennamen unbekannte Werke zu programmieren. Hier haben wir zwei Sinfonien von Vater und Sohn, die für ein besonders dunkles Kapitel der Mozart-Rezeption, nämlich die Ära »Einstein«, stehen (O-Ton Nikolaus Harnoncourt: »Wenn ich »Einstein« höre, dann muss ich schon k..en.«) und zwar dafür, dass Vater Leopold von der »Wissenschaft« um Einstein herum systematisch zu Kleinholz gemacht wurde und man dafür plädierte, dem Sohn die doch – kein Wunder – noch bessere Sinfonie des Vaters zuzuschreiben und Leopold dafür das noch schwachbrüstige Opus des achtjährigen Sohnes Wolfgang. Ein verflixter Streit entbrannte, an dessen Ende man sich dafür entschied, beide Sinfonien mit einer »damnatio memoriae« zu belegen, fürderhin also zu beschweigen. Es erfordert allein schon ausgeklügelte Strategie, den Notentext von Leopolds Sinfonie zu finden, aber die Mönche von Kloster Lambach waren überaus hilfreich und auch glücklich darüber, dass Herr Goebel nun international Werbung für Lambach – zwischen Salzburg und Wels in Oberösterreich – macht!

Die »Sinfonia Concertante« genannte Orchesterfassung der Gran Partita hingegen ist für viele Hörer_innen mit dem Reiz verbunden, ein für sie neues Werk zu hören, denn die Original-Fassung der Gran Partita für 13 Solo-Instrumente ist aufgrund der Besetzung mit u. a. zwei Bassett-Hörnern und vier Hörnern nicht überall machbar. Und in der Tat war es so, dass auch diese Orchester-Version ein Jahr vor der »echten« Gran Partita im Druck erschien, zudem die erste lithographische Publikation eines Mozart-Werkes.