heels für hildesheim

Mit kinky boots – ziemlich scharfe stiefel von Harvey Fierstein und Cyndi Lauper eröffnet das tfn am 12. September 2021 seine neue Spielzeit im Bereich Musical. Basierend auf dem gleichnamigen Film von Geoff Deane und Tim Firth aus dem Jahr 2005 folgte die Uraufführung des Musicals 2013 am Broadway. Nachdem es von 2017 bis 2018 auch im Hamburger Operettenhaus zu sehen war, kommt nun endlich, in einer neuen Übersetzung von Robin Kulisch, die Premiere nach Hildesheim.
Lilo Wanders, der breiten Masse bekannt aus der TV Serie »Wa(h)re Liebe« (1994–2004), gibt am tfn ihr Regiedebüt. Dramaturgin Julia Hoppe hat mit ihr über die Produktion und ihre ersten Eindrücke als Regisseurin gesprochen.

↗ Worum geht es in kinky boots – ziemlich scharfe stiefel?
Charlie soll in der englischen Provinz nach dem Tod seines Vaters die Schuhfabrik »Price & Son« übernehmen. Er hat aber überhaupt keine Lust, der Tradition zu folgen und wäre lieber mit seiner Freundin Nicola in London. Außerdem steht die Firma kurz vor der Pleite. Zufällig lernt Charlie die Dragqueen Lola kennen und die Idee entsteht, spezielle Stiefel für Männer zu kreieren, die sich wie Frauen kleiden. Auf der bald stattfindenden Schuhmesse in Mailand soll die Kollektion vorgestellt werden. Gegen den ersten Widerstand der Belegschaft beginnen Charlie und Lola mit der Produktion, entdecken ihre Gemeinsamkeiten und stoßen bei den Unterschieden an ihre Grenzen.

↗ Als du vom tfn gefragt worden bist, ob du Lust hättest, ein Musical bei uns zu inszenieren, was war dein erster Gedanke?
Da traut man mir aber was zu! Ich habe in Musicals wie »Cabaret« gespielt, kannte aber das Drumherum einer solchen Inszenierung nur von der Darsteller_innenseite. Weil ich aber gerne Neuland für mich entdecke, habe ich recht schnell zugesagt. Sicherheit hat mir gegeben, dass der Choreograph Nigel Watson dabei ist, ein staunenswertes Kraftpaket aus tänzerischer Professionalität mit einem emotionalen Instinkt für manchen im Text versteckten Hinweis auf die Charaktere. Und Oliver Pauli, der auch mitspielt, steht mir dankenswerterweise als Co-Regisseur zur Seite und übernimmt einen großen Teil der für mich bisher unbekannten administrativen Aufgaben einer solchen Arbeit. Und natürlich will ich den musikalischen Leiter Andreas Unsicker erwähnen, der schon im Vorfeld die Songs mit den Protagonist_ innen erarbeitet hat und mit großer Geduld die Proben am Klavier begleitet. Dieses Team bietet mir einfach Sicherheit.

↗ Wie hast du dich auf die Produktion vorbereitet?
Das ist ja ein laufender Prozess. Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs sind wir am Beginn der dritten Probenwoche im Juni. Vier Wochen liegen noch vor uns bis zur Hauptprobe, und vor der Premiere am 12. September haben wir noch einmal Zeit für Feinarbeiten. Zunächst habe ich mir Gedanken darübergemacht, was ich mir selber bei Produktionen von der Regie wünsche: Immer auf der Seite der Menschen zu sein, die das Stück spielen! Ich weiß z. B., wie qualvoll auf ersten Proben ein Texthänger sein kann und wie unsicher es macht, mit nur geringen Vorgaben einen Charakter zum Leben zu erwecken – dabei will ich helfen. Ich sage, auch wenn wir zurzeit noch in der Formgebung des Ganzen sind und der Feinschliff später ansteht: Ich sehe dich, ich nehme alles wahr, was du einbringst. Mir ist klar, dass wirklich alles inszeniert, jede Bewegung, jede gezeigte Emotion durchdacht werden muss. Musical-Darsteller_innen schreiben das Stück in ihre Körpererinnerung, bis alles »automatisch« passiert und trotzdem der Eindruck der Spontanität bleibt, obwohl vielleicht noch Takte bis zum Tanz oder Gesang gezählt werden. Zudem ist die Mischung aus Spiel, Tanz und Gesang eine enorme körperliche Leistung, das muss gewürdigt werden.

↗ Zurzeit befinden wir uns ja – wie bereits erwähnt – noch mitten im Probenprozess. Was gefällt dir bisher an deiner neuen Aufgabe am besten?
Am Anfang steht eben die Knochenarbeit für das Ensemble, die ständige Wiederholung einzelner Teile. Aber es ist beglückend zu erleben, wie sich Szenen zueinander fügen und eine durchgehende Linie entsteht. Die Handlung ist nachvollziehbar, die Musik ist mitreißend, die Choreographie raffiniert – das Ganze macht Freude.

↗ Mit dem Thema Drag bist du bestens vertraut – hat dir das bei deiner Arbeit hier geholfen?
Ich kenne tatsächlich viele Dragqueens, aber letzten Endes ist es egal, um welche »Szene« es geht. Menschen und ihre Geschichten sind generell spannend und ich versuche zu versöhnen und gelte als Integrationsfigur.

↗ Was sind für dich die wichtigsten Aussagen in dem Stück?
Manchmal ist es schmerzhaft, sich selbst zu finden und Lebensentwürfe anderer zu akzeptieren. Aber was für eine Bereicherung, wenn das gelingt!