von der leinwand auf die bühne: good bye, lenin!

Berlin 1989. Alex ist nicht gerade ein engagierter DDR-Bürger, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter. Als sie Alex auf einer Demonstration entdeckt, ist das zu viel für sie: Nach einem Herzinfarkt fällt sie ins Koma - und verschläft den Mauerfall. Acht Monate später erwacht sie in einem neuen Land. Auf keinem Fall darf sie vom Untergang ihrer geliebten DDR erfahren, zu angeschlagen ist ihr schwaches Herz. Um seine Mutter zu retten, muss Alex auf 79 m² in Windeseile die DDR wieder auferstehen lassen ...

Der Film »Good Bye, Lenin!« mit Katrin Sass und Daniel Brühl (2003) war ein Kinohit. Nach Vorlage des Drehbuchs ist ein Bühnenstück entstanden, das nun am tfn Premiere feiert! Dramaturgieassistentin Alina Tammaro hat vorab mit der Regisseurin Geertje Boeden über Filmadaptionen für die Bühne, tragische Komödien und ostdeutsche Klischees gesprochen.

↗ Im Sommer hast du monty python's spamalot mit der musical_company auf der JoWiese inszeniert - jetzt arbeitest du wieder an einem Stück mit einer Filmvorlage. Gibt es da spezielle Herausforderungen?
Ja, auf jeden Fall! Es gibt - je nach Film natürlich - eine visuelle Prägung und eine Darstellung der Charaktere, von denen man sich erstmal lösen muss oder mit denen man umgehen muss - mit den ganz eigenen Theater-Gesetzen. Man steht da vor der Entscheidung: Wie sehr soll die Bildwelt des Films eine Rolle spielen? Das muss man als Team für sich beantworten. Das Theater hat ganz andere Qualitäten, es hat die Chance, auch mit realistischen Stoffen poetisch, stilisiert und überhöht umzugehen. Das Wichtige für unser Kreativteam ist es, dass wir auf keinen Fall den Film kopieren, sondern einen eigenständigen Theaterabend daraus machen wollen.

↗ Du inszenierst das erste Mal im Schauspiel. Bereitest du dich anders vor als sonst?
Ja und nein. Anders als beim Musiktheater (darunter fasse ich Oper, Operette und Musical) habe ich kein rhythmisch-musikalisches Gerüst, das mit das Timing der Szenen vorgibt. Ich mache mir selbstverständlich ein Bild von den Szenen; ein Tempo, einen Rhythmus, den ich empfinde, wenn ich Zuhause im Kämmerlein sitze, aber alles das wird sich tatsächlich erst in den Proben mit den Darsteller_innen finden. Es ist also eine größere Freiheit, aber trotzdem muss ich wissen, wohin die Reise gehen soll. Es ist für mich vor dem Probenbeginn ein anderer »Schwebezustand«, kann man vielleicht sagen.

↗ In good bye, lenin! steckt viel: Komödie, Tragödie, Dokumentartheater und gleichzeitig eine Persiflage. Was davon überwiegt für dich?
Für Sarah Antonia Rung (meine Ausstatterin) und mich steht das Dokumentartheater im Hintergrund. Wir wollen keinen Geschichtsunterricht machen, sondern ein Gefühl für das Leben, die Figuren vermitteln, mehr erspüren als Fakten präsentieren. Für uns entsteht das Komische aus der Absurdität der Situation, die eigentlich tragisch ist. Eine Tragikomödie ist es für uns, kann man vielleicht kurzgefasst sagen. 

↗ Du bist in Ostberlin aufgewachsen - beim Mauerfall warst du allerdings noch sehr klein. Was verbindest du mit der DDR?
Ich bin natürlich durch meine Familie geprägt, auch wenn ich das eigentliche Leben in der DDR nicht so bewusst mitbekommen habe. 40 Jahre gelebtes Leben sind ja nicht »puff« auf einmal weg. Es ist ein Lebensgefühl, eine Einstellung, aus dem, was man hat, das Beste zu machen (aus Materialknappheit), nie irgendetwas wegschmeißen, man könnte es ja noch gebrauchen oder selber reparieren und sich gegenseitig helfen. In diesem Sinne bin ich erzogen worden. Dann verbinde ich Gesang und Musik damit, meine Schwester hat immer gesungen. Und eine ganz präsente Geschmackserinnerung: der Schusterjunge. Das war ein Roggenbrötchen aus Brotteig, mit Mehl überstäubt, das war eine meiner Lieblingsspeisen. Wenn man reingebissen hat, hatte man das Mehl an der Nase.

↗ Spreewaldgurken, Trabi und Plattenbau - wie möchtest du mit den DDR-Klischees umgehen?
Wir versuchen eine Gratwanderung und wollen eher Zeichen für die Klischees finden, als etwas naturalistisch abzubilden. Wessi-Klischees gibt es ja auch genug in dem Stück, durch die Figur von Rainer. Ich finde den Umgang mit Klischees generell eine große Herausforderung. Manche sind so unreflektiert in unseren Köpfen verankert, dass man sie gar nicht mehr als Klischee wahrnimmt, sondern als Fakt. Und da ist es unsere Aufgabe, das zu kommentieren, auszustellen ... oder eben auch nicht. Vielleicht vergisst das Publikum am Ende auch die Klischees, und es geht nur noch um die Menschen und ihre Geschichten.

↗ Hättest du gerne eine Datsche?
Na klar! So eien Datsche ist für mich auch eine Kindheitserinnerung: Bei meinem Onkel in Wildau gab es Beerensträucher über Beerensträucher, Stachelbeeren, Johannisbeeren und wunderschöne alte Apfelbäume. Und lauter Tiere. Das war für mich ein Paradies.

Worauf freust du dich bei der Arbeit am meisten?
Ich freue mich am meisten auf die Arbeit mit den Schauspieler_innen, mit ihnen zusammen die Figuren kennenzulernen, eine eigene Bühnenwelt zu erschaffen. Miteinander auf diese Reise zu gehen. Mal sehen, wo sie uns hinführt! In unbekannte Weiten vielleicht.