der schauspiel-doppelabend: zwei stücke, zwei perspektiven

Im Jahr 2019 gab es weltweit 272 Millionen Migrant_innen, 79,5 Millionen Menschen befanden sich auf der Flucht. Und dennoch lässt sich nicht von einer universellen Erfahrung sprechen: Keine menschliche Geschichte ist mit einer anderen gleichzusetzen. Wie erzählen wir also von diesen Erfahrungen, dieser Vielzahl von Perspektiven? Das tfn stellt sich dieser Frage mit gleich zwei Schauspielstücken an einem Abend.

In nach europa, dem ersten Teil des Doppelabends, wird eine junge Frau namens Khady von ihren Schwiegereltern verstoßen. Sie verlässt ihre Heimat, um sich von Westafrika aus auf den Weg nach Europa zu begeben und nimmt das Publikum mit auf ihre Reise bis an einen europäischen Grenzzaun. Der Inszenierung liegt ein sensibler wie poetischer Text zugrunde, in dem die junge Frau die geographischen wie emotionalen Stationen ihrer Reise sehr klug beschreibt, deutet und hinterfragt. Bei nach europa handelt es sich um eine von drei Geschichten aus Marie NDiayes Roman »Trois femmes puissantes« aus dem Jahr 2011, die von Friederike Heller für die Bühne bearbeitet wurde. Die Autorin Marie NDiaye, 1967 in Frankreich geboren, begann schon in ihrer Jugend mit der Schriftstellerei. Unter ihren Werken finden sich Essays, Kurzgeschichten, Kinderbücher und Dramen. Aktuelll wird in der Presse ihr neuer Roman »Die Rache ist mein« besprochen.

Das zweite Stück, tut uns leid, dass wir nicht im meer ertrunken sind, erzählt von einem Gedankenspiel: Was würde passieren, wenn Menschen aus Europa fliehen müssten? Drei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, machen sich in diesem Zukunftsszenario mit einem Schlepper auf den Weg. Eingepfercht in einem Container entspinnen sich zwischen ihnen Statuskämpfe, Intrigen und kleine Momente des Glücks. Der Dramatiker Emanuele Aldrovandi wurde 1985 geboren und ist bisher vor allem in Italien bekannt, hier in Deutschland ist er noch eine Neuentdeckung. tut uns leid, dass wir nicht im meer ertrunken sind, das am tfn im Juni 2021 erstmals in deutscher Sprache aufgeführt wurde, ist eine emotionale Achterbahnfahrt: An diesem Abend treffen berührende Geschichten auf trockenen Witz - mit einer Tendenz ins Absurde.

Dramaturgin Alina Tammaro hat sich zur Wiederaufnahme des Schauspieldoppelabends mit dem Intendanten Oliver Graf getroffen, um über die Auswahl der beiden Stücke, ihre sich ergänzenden Gegensätze und die Bedeutung von moderner Theaterliteratur auf der Bühne des tfn zu sprechen.

↗ Eines der Labels in der Niedersächsischen Dramaturgie ist »Moderne«. Weshalb haben Sie sich dafür entschieden, dieses Label aufzunehmen, weshalb finden Sie es wichtig?
Die fünf Labels ermöglichen eine größtmögliche thematische und ästhetische Vielfalt innerhalb der einzelnen Genres. Das Label »Moderne« bietet sich insbesondere zur Auseinandersetzung mit zeitgenössichen Autor_innen respektive Komponist_innen und auch zur Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen an. Themen, die uns unter den Nägeln brennen und die wir unbedingt auf der Bühne verhandeln möchten und müssen!

↗ Wie kam es zu der Stückauswahl und der Entscheidung, einen Schauspieldoppelabend aus nach europa und tut uns leid, dass wir nicht im meer ertrunken sind zu machen?
Die beiden Stücke beschäftigen sich mit dem drängenden Thema der Migration - allerdings aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, und das in jeder Hinsicht: Das erste Stück, 2013 uraufgeführt, geschrieben von einer Frau mit Migrationsgeschichte, erzählt die Flucht nach Europa, während das zweite Stück, eine deutsche Erstaufführung, geschrieben von einem jungen südeuropäischen Mann, das Thema in der Zukunft verortet und eine Flucht aus Europa beschreibt. Der erste Text behandelt das Thema eher introspektiv, während der zweite ganz klar eine äußere Handlung vorgibt. Die beiden Stücke ergänzen sich hervorragend und werfen durch den entstehenden Perspektivwechsel und den Dialog der zwei Werke ein ganz neues Licht auf das Thema.

↗ Wen möchten Sie mit diesem Abend einladen, ins Theater zu kommen?
Alle! Dieser Theaterabend widmet sich dem Thema auf höchst poetische Weise und ist gleichzeitig immer wieder überraschend. Und ja, der Abend ist nicht nur für das Ensemble eine große Herausforderung, sondern auch für uns als Zuschauende. Diese Zusammenstellung und die Inszenierung sind im positivsten Sinne diskursiv - und machen das Erleben dieser Texte so zu einem eindrücklichen und nachdenklichen Theatererlebnis.