»nein, wir essen diese suppe nicht!«

Regisseur Moritz Nikolaus Koch erzählt im Gespräch mit Dramaturgin Cornelia Pook von der Faszination des Verbotenen, warum uns mit shockheaded peter - der struwwelpeter ein musikalischer Schauspielabend voller Monstrosität, Humor und Poesie erwartet - und von ganz realen Eltern-Alpträumen.

↗ Hast du Kindheitserinnerungen an den »Struwwelpeter« und wenn ja: Was hat dich daran beeindruckt / fasziniert / erschreckt?
Ich erinnere mich sehr deutlich an das »Struwwelpeter«-Buch. Ganz sicher gab es ein Exemplar in meinem Kindergarten und ich glaube, wir hatten es sogar auch zu Hause. Von diesem Buch ging für mich eine ganz eigene Faszination aus, schon allein deshalb, weil kein Erwachsener daran vorbeigehen konnte, ohne zu betonen, was für ein schlimmes Buch das sei. Darin zu blättern hatte fast schon den Reiz des Verbotenen, die dargestellten Grausamkeiten und die Brutalität der Moral entsprachen so gar nicht der Pädagogik und den Idealen, die sonst in meinem Umfeld gelebt wurden. Ich sollte wohl eigentlich eher ferngehalten werden von Fantasien von abgeschnittenen Daumen und brennenden Kindern. Und doch waren es gerade diese gruseligen Bilder, die mich besonders faszinierten: das spritzende Blut von Konrad dem Daumenlutscher, Kaspar, der Schritt für Schritt zum Strichmännchen herunterhungert, das lichterloh in Flammen stehende Paulinchen. Sie alle fand ich gruselig, abstoßend, beängstigend, aber eben auch sehr faszinierend und spannend. Nichts macht Fünfjährige neugieriger als die immer wieder gehörte Warnung: »Schau dir doch dieses fürchterliche Buch nicht an!«

↗ Wir zeigen die international beachtete und immer wieder auch an deutschen Theatern gespielte »Struwwelpeter«-Version der britischen Band The Tiger Lillies. Die nennt sich im Untertitel »Junk-Oper«, wir zeigen sie mit dem Schauspielensemble. Welchem Genre würdest du das Stück zuordnen bzw. wie würdest du es nennen und warum?
Ich würde das Stück als eine musikalische Groteske bezeichnen. Diese Genrebezeichnung wird dem monströsen, abgründig blutrünstigen, aber auch durchaus humorvollen und poetischen Charakter wohl am ehesten gerecht.

↗ Wie du schon sagst, sind die Geschichten ziemlich brutal. Aber das Stück läuft bei uns unter dem Label Familientheater für alle ab 14. Warum sollten Jugendliche sich das anschauen?
Zum einen: Wir haben es hier mit einem sehr schwarzen Humor, mit absurden Überzeichnungen aber auch mit großer Poesie zu tun. Kombiniert mit der Musik der Tiger Lillies kann sich meiner Meinung nach durchaus eine Mischung ergeben, die für Jung und Alt sehr unterhaltsam ist. Zum anderen: Wenn ich das Stück als Regisseur lese, interessiert mich der kleine Bub, der seine Suppe aus Bockigkeit nicht essen mag, viel weniger als das essgestörte Teenagermädchen in der Wohlstands-Einfamilienhaus-Hölle. Und beim Zappelphilipp denke ich weniger an Tischmanieren und Dreikäsehoch-Alarm beim Abendbrot als an Heerscharen von ADHS-diagnostizierten deutschen Jugendlichen auf Ritalin. Mit unserer Interpretation der Geschichte(n) wollen wir dementsprechend auch nicht von unartigen Kleinkindern im Kita-Alter oder der düsteren Pädagogik des 19. Jahrhunderts erzählen, sondern von den ganz realen Eltern-Alpträumen unangepasster bzw. unpassender Jugendlicher hier und heute. Von den Kids, die an unsere Hauswände sprühen: »Nein, wir essen diese Supper nicht!«. Und all dies zeigen wir hoffentlich gut gelaunt ironisch, laut, bunt und überzogen. Ich glaube, diesen Trip hätte ich mir selbst mit 14 sehr gerne angesehen!

↗ Wie kann man die Musik beschreiben und wie wird sie bei uns umgesetzt?
Ich würde die Musik der Tiger Lillies als eine Art Queer-Folk-Punk bezeichnen, falls es diese Schublade irgendwo geben sollte. In einem Stück, das zu 70 Prozent aus Songs besteht und das fast keinerlei handlungsrelevante Dialoge aufzuweisen hat, ist mir die Inszenierung der Musik enorm wichtig. So wird bei uns die Band aus dem Orchestergraben direkt auf die Bühne gestellt, der Rock'n'Roll soll hörbar UND sichtbar sein. Wir werden in Sachen Bandsound und Instrumentierung weniger nach den Folk- und Zirkuselementen suchen als nach dem Late-Sixties-Surfsound der Tarantino-Filme, aber es bleiben natürlich die tollen Songs der Tiger Lillies. Ich freue mich sehr auf die musikalische Zusammenarbeit mit Jochen Pietsch, diesem Ensemble und dieser Band!

↗ Was denkst du: In welcher Stimmung wird das Publikum eine Vorstellung von shockheaded peter verlassen?
Ich hoffe, mit einem Ohrwurm in den Beinen, starken Bildern im Herzen und einem Lächeln im Gesicht.