rockkonzert für musicalfans

»Don't want to be an American Idiot
Don't want a nation under the new media
Hey, can your hear the sound of hysteria?
The subliminal mindfuck America«

Die meisten Leser_innen dieses Artikels werden bereits jetzt einen Ohrwurm haben, der sie die nächsten Minuten, wenn nicht Stunden, begleiten wird. Der Song american idiot gehört zu den berühmtesten Singles der Band Green Day und ist Titelgeber und Eröffnungsnummer des Musicals green day's american idiot, welches auf dem gleichnamigen Konzeptalbum aus dem Jahr 2004 beruht. Dramaturgin Julia Hoppe hat mit Regisseur und Oberspielleiter Oliver Pauli über die Neuinszenierung des Musicals am theater für niedersachsen gesprochen.

↗ Wie adaptiert man ein Konzeptalbum für die Bühne?
Das haben, zum Glück, Billie Joe Armstrong (Frontman und Songwriter von Green Day) und Michael Mayer (Regisseur und Texter) schon für die Broadway-Produktion erledigt. Das Album wurde um weitere Green Day-Songs ergänzt und in einer Geschichte verwoben. Es geht um die drei Freunde Johnny, Will und Tunny, die in einem amerikanischen Vorort aufgewachsen sind und mehr vom Leben erwarten. Zunächst brechen sie gemeinsam auf in die große Stadt, um dort ihr Glück zu finden. Doch schon bald geht jeder seinen eigenen Weg. Wo die Reise der drei hingeht, erfahren Sie in der Show.

↗ Die Band Green Day wurde bekannt in deiner Jugendzeit. Hast du die Musik früher selbst gehört? Wie ist es, sich jetzt damit aus einer anderen Perspektive zu beschäftigen?
Ich mochte die Musik von Green Day schon immer ganz gerne, aber als ich mich für das Stück intensiver damit beschäftigt habe, wurde ich zum Fan. Dass Punk-Rock soviel Tiefe haben kann, war mir zunächst nicht bewusst.

↗ Inhaltlich ist green day's american idiot derzeit sehr aktuell. Im Stück versuchen drei Jugendliche mit den Nachwirkungen von 9/11 zurechtzukommen. Einer der Jungs muss in den Krieg ziehen. Was hat das in der gegenwärtigen Situation für euch und die Proben bedeutet? Wie gehst du / geht ihr mit dem Thema um?
Durch die aktuelle Situation bekommt dieses Stück, das bald zwanzig Jahre alt ist, eine brisante Aktualität. 9/11 und der darauffolgende Irakkrieg werden im Text nicht explizit genannt. Auch die Inszenierung ist nicht konkret in einer bestimmten Zeit verortet. Es könnte also jeder Krieg in jüngster Vergangenheit, im Hier und Jetzt oder in nicht allzu ferner Zukunft sein. Der aktuelle Bezug stellt sich unweigerlich her. An der Figur des Tunny sehen wir, wie sich ein junger Mann blenden lässt und ehe er sich versieht, findet er sich quasi schutzlos in einem Krieg wieder, für den er nicht ausreichend ausgebildet ist. Im Kampf für etwas, das er gar nicht wirklich versteht. Das war bei der ersten Probe durchaus beklemmend und ich glaube, dass das einer der stärksten Momente der Show sein wird, weil er zeigt, dass Krieg kein cooles Videospiel ist, sondern dass es um Menschen geht, die Angst haben und die verletzbar sind.

↗ Das Musical wird in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln von Titus Hoffmann zu sehen sein. Wie kam es zu dem Entschluss?
Grinsend: Weil die Dramaturgin das so gesagt hat. Green Day hat erstaunlich poetische Texte. Songs wie Boulevard of Broken Dreams, Wake Me Up When September Ends oder 21 Guns sind so bekannt, dass man sie nicht übersetzen muss. Und die Übertitel unterstützen die nicht textsicheren Zuschauer_innen.

↗ Ursprünglich sollte green day's american idiot bereits in der letzten Spielzeit zur Premiere kommen. Die Proben dafür hatten auch schon begonnen. Das Projekt wurde dann aus bekannten Gründen auf Eis gelegt. Wie war es für dich, nach so vielen Monaten wieder in die Materie einzusteigen? Hat es in der Zwischenzeit weiter in dir gearbeitet?
Natürlich. Ich gehe jetzt fast zweieinhalb Jahre mit dem Projekt schwanger. Da verändern sich Sichtweisen, Ideen und äußere Umstände. Einzelne Szenen habe ich bestimmt vier-/fünfmal anders gedacht. Dann war da ja auch immer noch irgendwo die Hoffnung, dass wir irgendwann wieder »normal« spielen dürfen, sprich, dass wir auf der Bühne wieder ohne spezielle Abstandsregeln arbeiten können. Doch in Anbetracht steigender Inzidenzen ist da leider aktuell keine Lockerung in Sicht.

↗ Worauf dürfen wir uns besonders freuen?
green day's american idiot ist ein eher abstraktes Stück im Rockkonzert-Style. Green Days mitreißende Musik, spektakuläres Licht und allen voran die fantastische musical_company, die aus vollem Herzen so richtig abrockt, sind definitv einen Besuch wert.