»nichts ist geheimnisvoller als eine geschlossene tür.«

Im Rahmen des Trilogiekonzepts präsentiert das tfn auch in diesem Jahr denselben Stoff in drei verschiedenen Sparten und drei unterschiedlichen Regie- bzw. Choreografiehandschriften: hamlet als Schauspiel, Oper und Tanztheater. Wie bei der letztjährigen medea-Trilogie hat auch diesmal tfn-Ausstattungsleiterin Anna Siegrot das Bühnenbild entworfen, in dem alle drei hamlet-Inszenierungen sich bewegen - sowie die drei unterschiedlichen Kostümbilder. Im Gespräch mit Dramaturgin Cornelia Pook schwärmt sie von Shakespeares Zeitlosigkeit, dem Facettenreichtum Hamlets und weiht uns ein in ihre Ausstattungsideen.

↗ Soviel ich weiß, bist du ein großer Shakespeare-Fan. Was magst du an seinen Stücken?
Ja, Shakespeare ist einer meiner Lieblingsschriftsteller. Ich finde, kaum jemand kann Menschen und das Leben besser beschreiben. Und viele der Themen / Konflikte seiner Stücke kann man im großen Gesamtzusammenhang beleuchten oder auch reduzieren auf den kleinen persönlichen Konflikt. Zum Beispiel sind Familien- und Liebesgeschichten oft verbunden mit Kriegsgeschichten oder sogar gesamtgesellschaftlichen Geschehnissen, Weltereignissen. Außerdem mag ich Shakespeares unglaublichen Humor, der oft gepaart ist mit großer Tragik. Er fächert in seinen Stücken alle Facetten der Menschlichkeit auf - im Positiven wie im Negativen. Deswegen ist es ja ein Klassiker. Solange es Menschen gibt, werden sie Shakespeare verstehen und sich von ihm berührt fühlen.

↗ Was findest du reizvoll an hamlet, DEM Theaterklassiker schlechthin?
Über hamlet ist ja wahnsinnig viel geschrieben worden, es gibt unzählige Inszenierungen. Dabei wurde er oft - bis in die heutige Zeit - als typischer Melancholiker interpretiert. Ab Hamlet ist eine so facettenreiche Figur, er ist in keine Schublade zu stecken. Man kann ihn in viele Richtungen interpretieren und eben auch inszenieren. Um bei dem Vier-Säfte-System zu bleiben, dem Menschen zu Shakespeares Zeiten zugeordnet wurden, also Melancholiker, Sanguiniker, Phlegmatiker und Choleriker: Hamlet ist eben nicht nur Melancholiker. Er ist auch aufbrausend und wütend, verletzt, trauernd, liebend. Und auch einer, der phlegmatisch ist, wenn er sich nicht gleich entscheidet. Hamlet hat eine unglaubliche Energie in alle Richtungen. Dabei bleibt er immer eine Identifikationsfigur. Auch wenn seine Reaktionen manchmal radikal sind, bleiben sie doch immer nachvollziehbar.

↗ Der bekannte Shakespeare-Forscher Jan Kott hat gesagt, hamlet sei wie ein Schwamm, der die jeweilige Gesellschaft in sich aufsaugt. Was hat deiner Meinung nach hamlet mit uns heute zu tun?
Es gibt ja heute ein großes Misstrauen gegenüber allem und jedem. Man weiß nicht mehr, was man glauben und wem man trauen kann. Alte Wahrheiten zählen nicht mehr, Grundsätzliches ändert sich, es gibt Risse im System - und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. »Etwas ist faul« und »Die Welt ist aus den Fugen« sind berühmte hamlet-Sätze, die wohl selten besser zum Zustand unserer Gesellschaft bzw. der ganzen Welt gepasst haben.

↗ Dein Bühnenbildentwurf für die drei unterschiedlichen hamlet-Versionen in Schauspiel, Oper und Tanztheater bestehen hauptsächlich aus Türen. Wie kam es dazu?
Wie bei medea ging es auch hier darum zu schauen, was die Schnittmengen in den Ideen der beiden Regisseurinnen und der Choreografin sind. Was kann sich da optisch und ästhetisch zusammentun? Und wie immer in der Trilogie haben alle drei auch ganz pragmatisch unterschiedliche Ansprüche an den Raum. Zum Beispiel braucht der Tanz Platz, in der Oper ist die Akustik besonders wichtig, im Schaupsiel die Möglichkeit unterschiedlicher Spielorte innerhalb des Raumes. Die Schauspielregisseurin Ayla Yeginer nannte als Idee für das Schauspiel eine Talkshowsituation, in der die Familiensituation Hamlets medial verhandelt wird - mit Überraschungsgästen. Amy Stebbins, die Regisseurin der Oper, wünschte sich etwas in der Art eines Labyrinths. Mit diesen beiden Ideen hatte ich dann sofort diese Wand im Kopf, die aus unterschiedlichen Türen besteht. Das ist gut vorstellbar für die Talkshow: Wer steht hinter der Tür? Die Türen können zu Garderobentüren im Fernsehstudio werden u. ä. In der Oper spielt insbesondere das Geheimnisvolle der Türen eine Rolle, indem man sich fragt, wohin die Menschen dahinter verschwinden. Alfred Hitchcock hat mal gesagt: »Nichts ist geheimnisvoller als eine geschlossene Tür.« Es ist fast spannender, wenn zum Beispiel Morde hinter der Tür passieren, im Geheimen, nicht auf offener Bühne. Da geht die Fantasie im Publikum erst richtig los. Und immer die Frage: Wer kommt als Nächstes durch welche Tür in den Raum? Ist es zufällig? Willkürlich? Ist es Absicht? Ist es Schicksal?

↗ Wie bei der medea-Trilogie werden sich auch hier die Kostümbilder der einzelnen hamlet-Abende unterscheiden. Inwiefern?
Die Kostüme im Tanz sind recht farbig und aus Stoffen, die gut fliegen. Der Fokus der hamlet-Tanzversion liegt neben der Konzentration auf starke Emotionen auch auf eindrücklichen Bildern. Im Schauspiel wird es auch bunt, aber eher schräg und knallig - Stichwort Neue Medien. Ich arbeite gerne mit Farbfamilien, sodass die Farben zwar knallig sind, aber sich nicht beißen. Und in der Oper zeigen wir etwas, das mal farbig war, jetzt aber ausgeblichen, wie alte Fotos. Die Oper basiert nur zum Teil auf dem shakespeareschen hamlet, es geht vor allem um die dominierende Hierarchie eines faschistoiden Systems. Alle drei Kostümbilder sind sehr unterschiedlich, aber ich finde, dass es - wie bei medea - schon aus einem Guss ist und auch als Ganzes funktioniert.