»ein tiefsitzendes strukturelles problem«

carmen gilt heute weltweit als bekannteste und meistgespielte französische Oper. In dieser Spielzeit wird die berührende und kraftvolle Geschichte im tfn auf die Bühne gebracht. Regisseurin Juana Inés Cano Restrepo ist zum ersten Mal in Hildesheim. Vor Probenstart hat Dramaturgin Jannike Schulte mit ihr über die anstehende Produktion gesprochen.

carmen wird deine erste Arbeit in Hildesheim sein. Ist das eine Oper, die du schon immer einmal inszenieren wolltest?
Definitiv! Ich war am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn fest davon überzeugt, dass carmen und ich wie geschaffen füreinander sind, da ich intensiv Flamenco getanzt und mich dem Stück sehr nahe gefühlt habe. Ironischerweise hat diese Nähe aber zu ein paar Jahren »Beziehungspause« geführt. Ich war enttäuscht und konnte mich nicht damit abfinden, Tanz und Gesang bloß als Mittel zum Zweck zu sehen. Die Ehrlichkeit, Tiefgründigkeit und Verletzlichkeit, den Schmerz, all das, was mich am Flamenco fasziniert, konnte ich damals in der Figur Carmen nicht recht verorten. Umso mehr freue ich mich darauf, genau diese Facetten nun gemeinsam mit Neele Kramer zu erarbeiten und Carmen die Chance zu geben, mehr zu sein als ein begehrtes Objekt.

↗ Wie am tfn schon lange Tradition, werden wir eine deutsche Fassung der carmen geben. Die Wahl ist dabei auf die Übersetzung von Walter Felsenstein gefallen. Kannst du damit gut arbeiten?
Mehr noch, ich bin sogar unendlich dankbar! Ich habe das französische Original oft gehört - u. a. bei den Bregenzer Festspielen 2018 über zwei Monate jeden Tag - und war dementsprechend der Meinung, das Stück wirklich gut zu kennen. Felsensteins Übersetzung war für mich dann erst einmal wie ein Schlag ins Gesicht. Mir ist aufgefallen, dass ich lange nicht mehr wirklich zugehört habe, was hier eigentlich verhandelt wird, sondern in den Melodien und Klischees versunken bin. Das ist interessanterweise auch stückimmanent, denn die Charaktere kommunizieren oft aneinander vorbei, sie hören und sehen das, was sie wollen. Dieser Umstand wird durch die präzise Sprache der Fassung besonders deutlich, da sie viele doppelte Böden offenlegt und es uns so ermöglicht, zwischen den Zeilen zu lesen. Dieses Spannungsfeld hat uns in unserem Ansatz sehr inspiriert.

↗ Auch wenn ein rotes Kleid auf der Bühne auftaucht, wird es keine klassische carmen-Inszenierung sein. Was ist deine Regieidee?
Am Ende des Tages - oder vielmehr am Ende der Oper - sind wir mit einem Mord an einer Frau, einem Femizid, konfrontiert. Dass es an dieser Tatsache nichts zu beschönigen oder zu romantisieren gibt, führt uns auch Felsensteins Übersetzung noch einmal vor Augen. Davon ausgehend beschäftigen wir uns mit gesellschaftlichen Faktoren und Strukturen, die unweigerlich an diese Taten geknüpft sind. Carmens Schicksal steht dabei exemplarisch für das Schicksal vieler Frauen, weshalb es uns auch wichtig war, die Geschichte aus dem für diese Oper klassischen Milieu herauszulösen.

↗ Wie lässt sich das auf der Bühne darstellen?
Wir begleiten Carmen und all die anderen Frauen durch ein Labyrinth, in dem sie sich immer neuen Herausforderungen stellen müssen. Doch so oft die Freiheit auch winkt, so oft wartet am Ausgang der alles verschlingende Minotaurus ...

↗ Unterschiedliche Farben spielen eine Rolle. Was hat es damit auf sich?
Es gibt zahlreiche Initiativen, die auf diese Thematik aufmerksam machen und sich dabei einer starken Farbsymbolik bedienen. Wir greifen diese auf und verknüpfen sie mit Motiven der Oper. Inspiriert hat uns unter anderem »Orange the World«, eine Aktion, die jährlich vom 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, bis zum 10. Dezember, dem Internationalen Menschenrechtstag, stattfindet. Dabei strahlen Gebäude in der Signalfarbe Orange - auch das tfn beteiligte sich. Darüber hinaus nehmen wir Anleihen aus Mexiko, wo die Zahlen grauenhafte Ausmaße annehmen und die Symbolsprache dementsprechend drastisch ist. Als Beispiel sei hier die mexikanische Architektin und Künstlerin Elina Chauvet genannt, die 2009 in Juarez hunderte rote Schuhpaare auf öffentlichen Plätzen in Gedenken an die zahlreichen verschwundenen und getöteten Frauen installierte. Auch pinke Kreuze finden Eingang in unsere Inszenierung, die mexikanische Aktivist_innen als prägnantes Mahnmal an Tatorten hinterlassen. Die Farbe Pink ist dabei bewusst gewählt, um auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Frauen aufmerksam zu machen, denn es ist oft genau der Moment der Trennung, in denen die Täter beschließen, dem Leben der Frau ein Ende zu setzen.