the making of ... die schneekönigin

betrachtet aus zwei komplett unterschiedlichen blickwinkeln

Musicaldarsteller Raphael Dörr studiert neben seiner Arbeit am tfn Kulturwissenschaft. Im Rahmen seines Studiums hat er ein Praktikum in der Dramaturgie absolviert und berichtet an dieser Stelle von seinen Erfahrungen.

Wie kommt ein Musical auf die Bühne? Als Darsteller kann ich diese Frage folgendermaßen beantworten:

Vor Probenbeginn erhalten wir den Text und die Noten. Diese lese ich mir dann erstmal durch und mache mir erste Gedanken zu der Figur, die ich spiele. Das können z.B. die sogenannten W-Fragen sein. Was passiert mit dem Charakter vor dem Beginn der erzählten Geschichte, wo kommt er her, warum ist er da, wo er gerade ist, wie sind die Beziehungen zu den anderen Figuren, was will er erreichen? Auch kann man sich, wenn man will, eine eigene Körperlichkeit für die Figur schaffen: wie läuft sie, wie ist ihre Körpersprache usw. In dem speziellen Fall meiner Rollen als Krähe und Rentier in der Produktion die schneekönigin, musste ich mir überlegen, wie sehr ich das Animalische in mein Spiel einfließen lassen kann. Die Krähe ist in ihrem Kostüm und ihrem Auftreten schon sehr menschlich, was sich in der Bewegung widerspiegelt. Auch ist sie agiler als das Rentier, das im Gegensatz dazu eher behäbig und langsamer wirkt. Mit diesen Hilfsmitteln gehe ich dann in die Proben und erarbeite zusammen mit Regisseur_in, Choreograph_in und den Kollegen_innen das Stück. Am Anfang liegt der Fokus auf dem Schauspiel, dann kommt die Musik dazu und zum Schluss die Choreographie. Am Ende hat man ein homogenes Ganzes und kann sich an den nächsten Schritt der Proben machen. Da die Werkstätten Zeit benötigen, um Kostüme und Bühnenbild zu nähen/ bauen, proben wir zunächst mit Attrappen und Probenkostümen. Die Originale kommen erst im fortgeschrittenen Probenprozess nach und nach hinzu. Was einige Zuschauer_innen vielleicht auch bisher nicht wussten: Wir proben nicht die ganze Zeit auf der Bühne, sondern in einem sogenannten Probenraum. Sobald wir auf der Bühne proben dürfen, kommen die Abteilungen Licht und Ton dazu und wir haben hoffentlich nach sechs oder acht Wochen ein fertiges Stück auf der Bühne.

Im Rahmen meines Praktikums in der Dramaturgie hier beim tfn habe ich meinen Horizont erweitern können. Folgende Dinge habe ich in dieser Zeit gelernt: Etwa zwei Jahre bevor eine Spielzeit beginnt, muss entschieden werden, was aufgeführt werden soll. Für die Spielzeit 2020_21 fiel die Wahl für unser Weihnachtsmärchen auf eine Musicalversion von »Die Schneekönigin«. Bei der Auswahl muss darauf geachtet werden, dass das gewählt Stück überhaupt mit dem vorhandenen Ensemble umsetzbar ist. Wie viele Rollen gibt es? Wie viele davon sind Frauen und Männer? Wie viele Personen sind gleichzeitig auf der Bühne? (Eine Frage, die uns besonders in Zeiten von COVID-19 sehr beschäftigt hat, da wir auch auf der Bühne mit Sicherheitsabständen arbeiten müssen.) Können mehrere Rollen von ein und derselben Person gespielt werden? Eine meiner Aufgaben bestand deshalb darin, eine sogenannte Szenenfolge zu schreiben, um eine Übersicht zu genau diesen Fragen zu bekommen. Eine Besonderheit bei die schneekönigin war, dass wir uns aufgrund der Pandemie dazu entschlossen hatten, eine zweite, kleinere Fassung zu erarbeiten, die uns ermöglichen sollte, auch in kleineren Räumen wie Schulaulen zu spielen, damit Schüler_innen, die wegen Corona derzeit nicht die Möglichkeit haben ins Theater zu gehen, trotzdem in das Vergnügen eines Theaterstücks kommen würden. Ein schöner Plan, der leider durch den Lockdown vereitelt wurde. Doch zurück zu der Szenenübersicht: Da die Idee mit einer weiteren Inszenierung der Schneekönigin recht kurzfristig entstand, sollte ich die Übersicht für die kleine Inszenierung schreiben und mir überlegen, wie man ein Stück, das für sechs Darsteller_innen geschrieben wurde, auf drei Darsteller_innen reduzieren kann.
Im nächsten Schritt gilt es dann, Regie und Ausstattung zu finden und mit diesen zusammen das Stück zu planen. Wer steht zur Verfügung? Was wollen wir mit dem Stück erzählen? Wo liegt der Fokus? 
Ein paar Wochen vor Probenstart durfte ich dann eine sogenannte Materialmappe erstellen. Diese liefert den am Stück Beteiligten nützliche Hintergrundinformationen. Für die schneekönigin habe ich beispielsweise das Originalmärchen von Hans Christian Andersen und Texte über unterschiedliche Märchenformen sowie die Bedeutung von Naturmetaphorik recherchiert.
Parallel zu meinen Proben als Darsteller habe ich nun erlebt, was in der Dramaturgie so alles passiert, was ich sonst nicht zu sehen bekomme: Ich war Teil bei der Entstehung des Programmheftes, der Materialmappe für Zuschauer_innen wenn man so will, des Leporellos oder wie in diesem Fall des Newsletters.
Auch ist es nötig als Dramaturg_in immer mal wieder bei den Proben vor Ort zu sein, um zu sehen, wie diese sich entwickeln und auch, um Feedback an die Regie geben zu können. Normalerweise wäre das für mich schwierig gewesen, da ich ja selbst mit auf der Bühne stehe. Daher war es für mich ein Glück, dass es die zweite Schneekönigin Inszenierung gab, bei der ich mich in dramaturgischen Aufgaben üben konnte.

Wie Sie sehen, steckt hinter der Realisierung einer Inszenierung ein ganzes Stück mehr Arbeit und Zeit, als man denken würde. Ich muss gestehen, durch diese Erfahrung weiß ich die Arbeit der Menschen, die man eigentlich selten zu Gesicht bekommt, deutlich mehr zu schätzen.

Übrigens: Die Inszenierung unserer »kleinen« Schneekönigin wird ab 17.12. für vier Wochen als Stream auf unserer Homepage zu sehen sein!