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Die Gänsemarktoper: erste deutschsprachige „Bürgeroper“

Nach dem großen Erfolg ihrer Inszenierung von Telemanns „Orpheus“ kehrt Barockspezialistin Sigrid T´Hooft in dieser Spielzeit als Regisseurin von Reinhard Keisers Oper DER HOCHMÜTIGE, GESTÜRZTE UND WIEDER ERHABENE CROESUS einem opulenten Fest für alle Sinne werden wird.

Reinhard Keiser, 1740 von Mattheson noch als „grösster Opern-Componist von der Welt“ gepriesen, geriet insbesondere unter dem Eindruck der Opern von G. F. Händel und J. A. Hasse zunehmend in Vergessenheit, und seine Werke werden aufgrund des großen Interesses für die Musik der Barockzeit nur langsam nach und nach wieder entdeckt. Zu Recht, denn Keiser war nicht nur einer der bedeutendsten sondern zugleich auch einer der kreativsten Komponisten des Barock. Seine Opern haben über Jahrzehnte den Spielplan der berühmten Hamburger Oper am Gänsemarkt geprägt, die als erste deutschsprachige „Bürgeroper“ in die Theatergeschichte eingegangen ist: Wohlhabende Handelsherren der Hansestadt Hamburg begeisterten sich zunehmend für die Kunst der Oper, die sie auf ihren Reisen in London, Paris oder Wien kennen gelernt hatten. Ganz besonders angetan waren sie von dem bürgerlichen Theaterwesen Venedigs, das sich – anders als die fürstlich subventionierten Hoftheater – durch die Vermietung der Logen an Patrizierfamilien und einen freien Kartenverkauf für das einfache Volk nicht nur am Leben erhalten, sondern sogar gute Geschäfte machen konnte. So kam es 1677 zu der Errichtung der Oper am Gänsemarkt, für die bis zu ihrer endgültigen Schließung 1738 nicht weniger als 270 Opern entstanden sind.

1703–1707 sollte Reinhard Keiser die künstlerische Leitung des Opernhauses übernehmen, was jedoch in einem finanziellen Fiasko endete. Dennoch blieb er als Komponist dem Haus bis zum Ende verbunden. Von seinen insgesamt achtzig, überwiegend für Hamburg geschriebenen Opern, sind immerhin zwanzig vollständig erhalten, darunter auch der „Croesus“, dessen erste Fassung 1711 ihre Premiere erlebte. Als Telemann 1722 als Direktor an den Gänsemarkt kam, animierte er Keiser, einige seiner erfolgreichsten Opern neu zu bearbeiten, so auch den „Croesus“, der für seine zweite Premiere 1730 noch einmal völlig neu in Musik gesetzt wurde und in dieser Form überliefert ist.

Aus der Redewendung „Reich wie ein Krösus“ ist uns bis heute der Lydierkönig als ein Synonym für unermesslichen Reichtum bekannt. In der Antike galt er als der reichste Mensch der Welt und soll als einer der ersten Herrscher geprägte Gold- und Silbermünzen für den Handel eingeführt haben. Weniger bekannt ist, dass sein Name zugleich für die Unberechenbarkeit des Schicksals und die Vergänglichkeit des Glücks steht. Denn Krösus’ Reichtum ist auch eine Allegorie für den Hochmut und Fall eines vom Glück begünstigten. Dies schafft eine unmittelbare Verbindung zur Welt des Barocks, in der gleichermaßen sinnliche Lebensfreude mit dem demonstrativen Ausstellen von Pracht und Reichtum wie auch die Hinwendung zur Vergänglichkeit und Eitelkeit alles Irdischen, was als Vanitas-Symbolik allgegenwärtig ist, zum Ausdruck kommen. Ohne den Tod ist barockes Leben nicht zu denken. Dies lässt die Figur des Croesus zu einem Spiegelbild des barocken Menschen werden. Er ignoriert, dass es eine Macht gibt, die über ihm steht, dieser Hochmut wird ihm zum Verhängnis und führt zu seinem Untergang. Erst die Einsicht im Angesicht des Todes, lässt eine Rettung möglich und die Oper somit zu einem barocken Lehrstück werden.

Diese geradezu martialische Geschichte um den lydischen König reichern Keiser und sein Librettist Lucas von Bostel um eine im besten barocken Sinne verwickelte Liebesgeschichte an, in der erst nach zahlreichen Verkleidungen und Gefühlsverwirrungen die Paare zueinander finden.

Eine Spezialität der Gänsemarktoper war zudem, dass in heiteren wie auch ernsten Stücken immer eine komische Figur in Erscheinung trat, die sich in durchaus deftigen Tönen über die wundersamen Dinge des menschlichen Lebens und die Missstände des hanseatischen Alltags ihren Reim machte. Diese Rolle übernimmt im „Croesus“ der immer wieder sogar plattdeutsch „schnackende“ skurril-komische Straßenverkäufer Elcius, dessen beißender Spott nicht vor Liebe, Krieg oder auch Schminke haltmacht.

Diese lustvolle Verquickung spiegelt sich auch in der überaus farbigen Partitur wider: Neben überwiegend kurzen, eher liedhaften Arien und Duetten, ist der reich verzierte Gesangsstil der gehobenen Figuren an die Stilistik der Opera seria angelehnt, während Keisers weich fließende Melodik schon fast den galanten Stil des Rokoko vorwegnimmt.

Matinee am Sonntag, 8. März, 11:15 Uhr, Großes Haus (Eintritt frei)

Premiere am Samstag, 14. März, 19 Uhr, Großes Haus

Susanne von Tobien