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Was ist Punjabi und wie spricht man das?

Ein Interview von Dramaturgin Cornelia Pook mit Dr. Rameez Razzaq, dem Punjabi-Sprachcoach für DIE UNSICHTBARE HAND

Rameez Razzaq wurde 1989 in Pakistan geboren. Anfang 1990 kam er mit seiner Familie nach Deutschland, sein Vater arbeitete hier als Diplomingenieur. Er ist in Hannover aufgewachsen, zur Schule gegangen und hat sein Medizinstudium dort beendet. Seit März 2015 arbeitet er im Helios Klinikum Hildesheim und macht dort seine Weiterbildung als Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie.

Im Schauspiel DIE UNSICHTBARE HAND gibt es mehrere Sätze und Textpassagen, die auf Punjabi gesprochen werden sollen – sowohl im amerikanischen Original als auch in der deutschen Übersetzung. Alleine kamen wir da nicht weiter und haben uns an das Pakistan Zentrum Hannover gewandt, über das der Kontakt zu dir zustande kam. Was hast du gedacht, als wir dich gefragt haben, ob du bei DIE UNSICHTBARE HAND unser Sprachcoach für die Punjabi-Passagen sein möchtest?

Ich habe erstmal den Autor Ayad Akhtar gegoogelt, den ich bisher nicht kannte. Und auch über das Stück habe ich mich vorab schon mal informiert – das klang alles sehr interessant. Dann habe ich mich mit Jörg Gade und dir getroffen und wir haben alles Weitere besprochen. In dieses Gespräch bin ich ganz unvoreingenommen reingegangen, dachte, ich lass das mal auf mich zukommen und habe gehofft, dass ich irgendwie helfen kann.

Ist Punjabi deine Muttersprache?
Meine Muttersprache ist deutsch. Das ist die Sprache, mit der ich hier von klein auf lesen und schreiben gelernt habe. Zu Hause wurde die pakistanische Amtssprache Urdu gesprochen, Punjabi habe ich erst später gelernt. Punjabi ist eigentlich der Dialekt der Provinz Punjab. Pakistan hat vier Provinzen, von denen Punjab mit 120 Millionen Einwohnern die größte ist. Ich hatte das Glück, in der Kindheit jährlich, immer wieder in den Sommerferien, mit meiner Familie nach Pakistan zu fahren und dort Punjabi zu sprechen. Punjabi ist poetischer als die Amtssprache Urdu. Es gibt im Punjab eine eigene Filmindustrie, eine eigene Theaterszene und viel Literatur, die auf Punjabi veröffentlicht wird.

Zurück zum Theater. Wie genau sah das Punjabi-Coaching für die Schauspieler aus?
Die Sätze, die auf Punjabi gesprochen werden sollen, habe ich übersetzt und in ein Aufnahmegerät gesprochen. Und auch die Eigennamen, Firmennamen usw. habe ich eingesprochen wegen ihrer Aussprache. Dann habe ich mich auf einer Probe mit den Schauspielern getroffen, ihnen die Sätze vorgesprochen und mit ihnen geübt. Alle haben die Aufnahme bekommen und konnten zu Hause und auf den Proben weiter üben. Und zusätzlich habe ich die Sätze mit lateinischen Schriftzeichen aufgeschrieben, damit die Schauspieler auch lesend üben konnten.

DIE UNSICHTBARE HAND spielt in Pakistan, der Autor Ayad Akhtar hat pakistanische Wurzeln. Wenn im Stück von Pakistan die Rede ist, geht es meist um Korruption, Misswirtschaft, Armut, Terrorismus. Auch in den Medien hier macht Pakistan aktuell eher Negativschlagzeilen. Wie würdest du Pakistan beschreiben?
Natürlich stimmt vieles von dem, was über Pakistan bekannt ist, wobei das Land vor allem nach dem 11. September 2001 verstärkt in den Fokus geraten ist. Vorher hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen überhaupt nicht wissen, wo Pakistan liegt. Dass das jetzt anders ist, dazu hat der Afghanistan-Krieg beigetragen, dazu hat beigetragen, dass Osama Bin Laden in Pakistan gefasst worden ist und ähnliches. Aber gleichzeitig ist Pakistan viel mehr als Korruption, Misswirtschaft, Armut und Terrorismus. Nach mehreren militärisch dominierten Diktaturen ist Pakistan eine sehr junge Demokratie mit einer aufstrebenden Wirtschaft. Die Verfassung der Republik Pakistan basiert auf demokratischen Werten, darf aber gleichzeitig nicht gegen die Scharia, das Rechtssystem des Islam, verstoßen. Und da liegt der Hauptkonflikt. Es gibt einen Strom, der säkulär und liberal denkt und es gibt einen Strom, der konservativ und religiös verankert denkt. Aber ich denke, heute ist das Land auf einem guten Weg. Die Bevölkerung ist sehr jung, mehr als 70 Prozent der Menschen sind unter 30. Das Land hat eine geostrategisch wichtige Lage für politische und wirtschaftliche Zwecke. Übrigens ist Deutschland innerhalb der EU der größte Handelspartner für Pakistan. Und Pakistan ist auch landwirtschaftlich sehr vielfältig: Es hat den zweithöchsten Berg der Welt, den K2, und eine Wüstenregion, die eine der heißesten der Welt ist. Man hat also zur gleichen Zeit eine Temperaturamplitude von ca. 100 Grad. Das gibt es, soviel ich weiß, nirgendwo anders auf der Welt. Und wenn man als Fremder nach Pakistan kommt, trifft man auf sehr, sehr hilfsbereite Menschen, eine große Willkommenskultur.

Du hast neulich eine Probe von DIE UNSICHTBARE HAND gesehen. Wie fandest du die Szenen, in denen Punjabi gesprochen wird?
Ich war sehr, sehr positiv überrascht, weil ich es richtig gut fand. Es gibt vor allem eine Szene, in der Dennis Habermehl als Bashir und Tonio Schneider als Dar einen Dialog miteinander haben, der teilweise auf Punjabi und teilweise auf Deutsch ist. Ich war sehr überrascht, wie gut das funktionierte. Auch wer die Punjabi-Stellen nicht versteht, bekommt inhaltlich alles mit. Dass die Aussprache so klingt wie bei Muttersprachlern habe ich nicht erwartet, aber mir war wichtig, dass man als Muttersprachler alles versteht, was da gesagt wird. Und das tut man wirklich sehr gut. Die Schauspieler machen das toll, ich bin gespannt auf die Premiere.

Interview vom 19. November 2018