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Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen

In den Regieanweisungen zum Familienstück Dinge, die ich sicher weiß finden sich Rosensträuche und ein alter Eukalyptusbaum. Auf der TfN-Bühne wird es beides nicht geben, aber irgendwie sind sie doch da. Ausstatterin Swana Gutke erzählt Dramaturgin Astrid Reibstein, wie sie das Bühnenbild erfunden hat.

Swana Gutke sitzt im Zuschauerraum des Großen Hauses und schaut zu, wie ihr Bühnenbild für das Schauspiel Dinge, die ich sicher weiß nach und nach entsteht. Heute findet hier die sogenannte Technische Einrichtung statt: Alle Bühnenbildteile sind fertiggestellt und werden zum ersten Mal im Original auf der Bühne aufgebaut. Immer wieder läuft sie auf die Bühne, um mit den Bühnenarbeiterinnen und Bühnenarbeitern weitere Details zu besprechen.

„Grundsätzlich arbeite ich gern abstrakt“, erzählt Gutke von ihrem persönlichen Ansatz beim Erfinden eines Bühnenbildes, „und übersetze das, was ich im Textbuch zu lesen bekomme, gern in eine poetische Bühnensprache.“ Das Familienstück erzählt von der Familie Price. Alle vier erwachsenen Kinder machen eine Identitätskrise durch, und wir sehen, wie sich diese auf die Eltern Fran und Bob auswirken. Der Autor Andrew Bovell beschreibt sein Stück so: „Es handelt von der Widerstandsfähigkeit einer langjährigen Ehe, es handelt davon zu viel und nicht genug zu lieben, und davon, den richtigen Platz dazwischen zu finden.“

Der Ort, die Fläche, auf der die Familie zusammenkommt, ist in dieser Inszenierung – da waren sich Swana Gutke und Regisseur Jörg Gade schnell einig – die Terrasse des Elternhauses. Auf der Bühne steht sie als erhöhte Spielfläche, ein luftig wirkendes Podest mit hochwertiger Holzoberfläche. „Das ist eine Art Insel“, erklärt Gutke, „ein begrenzter Raum, aus dem man nicht so ohne Weiteres weg kommt, zumindest nicht unauffällig. Das hat für mich mit dem Familienthema zu tun: Auch in einer Familie muss man sich mit bestimmten Themen auseinandersetzen. Das kann gut und fruchtbar sein, aber eben auch anstrengend, weil man nicht einfach so weggehen kann. Man muss sich verhalten.“

Die Terrasse steht mitten im Garten der Familie Price. Hier züchtet Bob seine Rosen. Für Gutke war von Anfang an klar: „Ich will keine realistischen Orte vorgeben, sondern den Zuschauerinnen und Zuschauern ermöglichen, mit eigener Fantasie eine Verortung darin zu finden.“ So ist die Kunstrasenfläche selbstverständlich nicht grün, und im Bühnenhintergrund stehen fünf schlichte und effektvolle, mit anthrazitfarbenem Holz gerahmte Bilder. Auf jedem Bild ist ein Zweig zu sehen. „Heute ist mir noch einmal aufgefallen, wie froh ich über meine Entscheidung bin, diese Bilder im Malsaal anfertigen und sie nicht drucken zu lassen“, freut sich Gutke. Gedruckt wären die Bilder wie Massenware identisch gewesen. „Jetzt bei der Einrichtung fällt auf, wie unterschiedlich die Bilder aussehen, obwohl sie alle nach derselben Vorlage und mit derselben Schablone gemalt wurden. Es hat etwas sehr Malerisches, Künstlerisches.“ Die Umsetzung Gutkes Vorlage im TfN-Malsaal oblag Theatermaler Simon Wolff. Gutke berichtet: „Von ihm kam ein Entwurf, den ich sofort gut fand. Das hat mich erstmal total verwirrt. Denn es war anders, als ich mir vorgestellt hatte, aber dabei so überzeugend, dass ich nach einmal drüber Schlafen gesagt habe: So machen wir’s!“

Dagegen hat die vorherige Auswahl, was genau auf den Bildern zu sehen sein würde, viel Zeit in Anspruch genommen. Rosen auf die Bühne zu bringen, ist Gutke nicht in den Sinn gekommen. „Als Symbol viel zu beladen“, resümiert sie. Als ich ihr von der Überschrift zu diesem Artikel erzähle, lacht sie: „Das hätte mein Satz an Jörg Gade sein können!“ Stattdessen ließ sie sich von ihrem Gefühl für Atmosphäre leiten: „Es war mir wichtig für die Stimmung auf der Bühne, etwas aus der Vergangenheit dieser Familie oder grundsätzlich etwas Konserviertes, Transparentes im Hintergrund der Bühne zu haben. Meine Assoziation waren gepresste Pflanzen, die man in Alben aufbewahrt, mit Pergamentpapier dazwischen.“ Gutke recherchierte über die unterschiedlichsten Pflanzen und fand schließlich ein Bild, das ihr passend erschien: „Und dann hat sich herausgestellt, dass das ein Eukalyptuszweig ist. Ausgerechnet! Denn im Textbuch ist von einem Eukalyptusbaum die Rede, der im Garten steht. Fran liebt diesen Baum!“

Gutke wird erneut auf die Bühne gerufen und geht. Heute Abend, wenn der Aufbau fertig ist, wird sie zusammen mit Jörg Gade und Beleuchtungsmeister Mario Schulze damit beginnen, die passende Beleuchtung für jede einzelne Szene zu gestalten. Erst mit dem Licht bekommt die Wirkung ihres Bühnenbildes den letzten Schliff.

Astrid Reibstein

DINGE, DIE ICH SICHER WEIß
Schauspiel von Andrew Bovell
Premiere am Mittwoch, 3. April 2019, in Gronau
Hildesheim-Premiere am Samstag, 6. April 2019 im Großen Haus
Matinee mit Jörg Gade, Swana Gutke, Simone Mende und Gotthard Hauschild, Moderation Astrid Reibstein, am Sonntag, 24. März 2019, um 11:15 Uhr im Großen Haus