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3 Fragen an … Moritz Nikolaus Koch zu „Michael Kohlhaas“

Wie bist du darauf gekommen, Kohlhaas zu inszenieren?
Ich habe 2016 ebenfalls mit Dennis Habermehl und Dieter Wahlbuhl  (damals waren noch Marek Egert und Philipp Steinmann beteiligt) „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz im Rahmen der Late-Night-Reihe im F1 inszeniert. Nachdem diese Arbeit für alle Beteiligten ein schöner Erfolg wurde, war uns schnell klar, dass wir in einer ähnlichen Konstellation wieder zusammen arbeiten wollten. Und so begab ich mich auf die Suche nach einem Stück oder einem Stoff für ein Stück. Dabei fiel mir der „Michael Kohlhaas“ wieder ein, der mir schon seit Schulzeiten ans Herz gewachsen war. Mit dieser Idee trat ich an Jörg Gade heran, und siehe da, ihm gefiel die Idee so gut, dass er sie viel weiter dachte als ich: statt eines No-budget-freizeit-Projektes wollte er den Kohlhaas als vollwertige TfN-Produktion in den Spielplan aufnehmen. Als mit Oliver Niess unser Musiker noch ins Boot kam, war das Team vollständig. Vor ca. einem Jahr habe ich mich dann daran gemacht, aus der Prosa-Erzählung Kleists eine Bühnenfassung zu adaptieren, diese ist dann bis Probebeginn noch mehrere Stadien durchlaufen, seit einigen Wochen wird geprobt, und nun schält sich aus all der Vorarbeit so langsam ein Bühnenstück heraus, das sich bald sehen lassen wird!

Was fasziniert dich so an „Michael Kohlhaas“?
Zuerst einmal fasziniert mich der Autor Kleist wegen seiner herrlich anarchischen Sprachgewalt und Erzählkunst. Seine Sprache ist immer unglaublich komplex und elaboriert, dabei aber immer sehr klar und echt, und von einer irren Schönheit. Seine Geschichten sind immer wild fabuliert, traumhaft, unlogisch und unglaubwürdig, aber auch immer sehr wahr und sehr menschlich. So auch im „Kohlhaas“. Er erzählt uns die Geschichte eines Individuums, das in einen unauflöslichen Konflikt mit der Gesellschaft gerät. Dabei gerät der Leser selbst in Konflikt mit den eigenen Werten, denn die Frage „Was ist gerecht?“ schreit aus jeder Seite, lässt sich aber immer schwerer beantworten, bis sie sich am Ende selbst in Frage stellt. Das Opfer wird zum Täter, der Täter wird wieder zum Opfer, und wenn am Ende doch Gerechtigkeit gesprochen wird, wird erst die ganze Absurdität des menschlichen Gerechtigkeit-Bedürfnisses deutlich. Der moralische Sieger wird zum Sieger und moralischen Verlierer, dann zum Verlierer und zum Schluss siegt nur die Moral und alle sind Verlierer. Daran fasziniert mich die Wucht, die die Geschichte entwickelt, wie sie meine Sympathie und mein Gerechtigkeits-Empfinden hin und her schleudert, bis ich am Ende völlig ratlos bin und an diesem Gerechtigkeits-Empfinden selbst arge Zweifel hegen muss. Das ist jede Mal neu eine innere Achterbahn. Das finde ich toll.

Worauf legst du den Fokus?
Die literarische Vorlage ist eine Erzählung. Eine in Prosa verfasste, ziemlich kompliziert erzählte, komplizierte Geschichte mit unzähligen Figuren mit komplizierten Namen und komplizierten Titeln. Das klingt erstmal: kompliziert. Aber genau hier liegt für mich der Schlüssel für unsere Bühnenumsetzung: Wir erzählen. Wir haben die ganze Zeit über nur drei Figuren auf der Bühne, und sie erzählen uns die Geschichte. Unser Ansatz ist: die drei spielen nicht den Kohlhaas, den Herse, die Herren Hinz und Kunz oder die wunderliche Weissagerin, sie erzählen uns diese Figuren. Dabei haben wir einen Haupt-Erzähler (Dennis Habermehl), der uns die Figur des Kohlhaas erzählt und immer mit ihm solidarisch ist, und einen zweiten Erzähler (Dieter Wahlbuhl), der uns alle anderen Figuren erzählt, und sich dabei mit diesen solidarisiert. Die Musik (Oliver Niess) ist hierbei enorm wichtig, da sie bei einer so nicht-situativen Spielweise den emotionalen Gehalt erzählen kann, wenn der Kleistsche Text nüchtern aus der dritten Person heraus Schlimmstes berichtet. Wir bleiben dabei sehr texttreu, das heißt wir haben den Kleist natürlich drastisch gekürzt und hier und dort ein wenig umgestellt, aber es bleiben immer seine Worte. Allerdings haben wir einige wenige Passagen aus Briefen Kleists mit aufgenommen. Die Musik stammt gänzlich von Oliver Niess und ist im Laufe der Probenarbeit entstanden. Wir arbeiten mit einer Loop-Maschine, aber jeder Ton den man hört, wurde live und analog eingeloopt, wir arbeiten ohne Samples oder vorgefertigtes Soundmaterial.
Inhaltlich habe ich auf keinen Aspekt der Geschichte einen besonderen Fokus gelegt. Es ist unser Ziel, die ganze Geschichte, mit allem, was wichtig ist, verständlich, spannend und gut zu erzählen. Wir wollen damit nicht auf irgendetwas hinweisen, keine Parallelen ziehen, keinen Aktualitätsbezug herstellen. Die Geschichte wird ihre eigene Wirkung schon erzielen, wenn wir sie nur gut erzählen!

Premiere am Mittwoch, 1. Mai 2019, 19:00 Uhr, Großes Haus
Weitere Vorstellung in dieser Spielzeit: 19. Mai 2019, 19:00 Uhr