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Leben aus dem Koffer

„Koffer gesucht“, hatte das TfN schon im September letzten Jahres verlauten lassen. Denn das Bühnenbild für das Schauspiel PERA PALAS (Premiere am 15. Februar) soll vor allem aus stapelweise Koffern bestehen. Der Aufruf wurde von diversen Zeitungen abgedruckt und über Soziale Medien verbreitet. Im Laufe der darauf folgenden Tage kamen immer wieder Leute aus der Stadt und dem Landkreis an die Bühnenpforte und gaben Kofferspenden ab.

„Insgesamt um die 50 Koffer haben wir bekommen“, erzählt die Leiterin der Requisite Silvia Meier, „dafür möchten wir uns bei allen Spenderinnen und Spendern herzlich bedanken!“ Nicht alle davon werden bei PERA PALAS zum Einsatz kommen: Das Stück spielt in den 1920er, 1950er und schließlich in den 1990er Jahren, und die Gepäckstücke sollen jeweils zeitgemäß sein. „Die 70er-Jahre-Koffer und alle anderen, die nicht zu diesem Stück passen, landen in unserem Fundus und werden für spätere Inszenierungen aufgehoben“, verspricht Meier.

Die letzte Entscheidung, welche der Koffer bei PERA PALAS auf der Bühne zu sehen sein werden, liegt bei Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Hattstein. Von ihr stammt auch die Idee, die Bühne mit Koffern zu füllen: „Die Geschichten im Stück nehmen ja alle im Hotel Pera Palas ihren Anfang“, erklärt sie, „und wenn ich mir ein altes Hotel vorstelle, denke ich als erstes an einen Pagen, der Koffer auf die Zimmer trägt.“ Sie habe bei der Ideenfindung nach einem starken Symbol für das Stück gesucht, das von Heimatlosigkeit handelt und davon, in einem anderen als dem eigenen Land zu leben. „Da ist der Koffer für mich DAS Symbol“, sagt Hattstein.

Dann begann sie, sich näher mit Koffern zu beschäftigen: „Da erlebt man ja, dass Koffer ihre eigene Geschichte haben: In den 1920er Jahren ist man vor allem mit dem Schiff gereist, da gab es viele Schrankkoffer. Die hat man auch gar nicht selbst getragen, sondern dafür gab es Personal. In den 50er Jahren wurden die Koffer bewusst gestaltet und waren handlich. Natürlich, denn nun musste man sie selbst schleppen.“ Und in den 90er Jahren gab es dann sehr viele verschiedene Arten von Koffern: „Da fing es an, dass ein Koffer auch ein Statussymbol wurde.“ Rollkoffer wurden modern. „Die benutzen wir aber nicht“, ergänzt Hattstein, „wir haben uns für das moderne Material entschieden und bringen für die 90er Jahre Alukoffer auf die Bühne.“

Welchen Weg die Gepäckstücke jetzt im Theater nehmen, hängt davon ab, wie sie später benutzt werden sollen: Jede Person im Stück, die im Hotel wohnt, hat einen eigenen, der Zeit entsprechenden Koffer. Diese Koffer werden der Abteilung Requisite zugeordnet und dort mit genau den Dingen gefüllt, die in den Szenen gebraucht werden: Mal holt jemand ein Kleid heraus, mal einen Lippenstift oder ein Buch. Andere Koffer dienen als Bühnenbild. Sie kommen erstmal in die TfN-Werkstätten: „Die werden mit Styropor gefüllt und die großen Koffer mit Holz verstärkt“, berichtet Hattstein, „damit die Schauspielerinnen und Schauspieler sich daraus auf der Bühne neue Räume bauen, zu zweit darauf sitzen oder darauf herumlaufen können, ohne dass etwas kaputt geht.“

Ob Requisit oder Teil des Bühnenbildes, diesen Unterschied soll das Publikum aber auf den ersten Blick gar nicht sehen. „Mir ist wichtig, dass man jedem Koffer ansieht, aus welcher Zeit er stammt“, sagt Hattstein. Die 20er-Jahre-Koffer sind alle ohnehin Braun und die Alukoffer der 90er Jahre sind leicht zu erkennen. „Nur die 50er-Jahre-Koffer malen wir teilweise an“, sagt Hattstein, „damit sie auf der Bühne alle diesen typischen natur-gelblichen Farbton haben.“

PERA PALAS Schauspiel von Sinan Ünel,  ab 15. Februar 2020 im Großen Haus des TfN.